Samstag, 25. Oktober 2008

Die Krise - Mitteilung vom 18. April 2008


Die umfassende weltweite Krise: 2008 bis 2013 - vier große Tendenzen

- Pressemitteilung des GEAB vom 18. April 2008 -

Allmählich nähern wir uns dem Kulminationspunkt der umfassenden weltweiten Krise, den LEAP/E2020 im zweiten Halbjahr 2008 erwartet. Aus dieser nunmehr näheren Sicht ist uns möglich, die sich daraus ergebenden großen Tendenzen einzuschätzen, die in den nächsten fünf Jahren die Wechselkurse, den Welthandel und die politische und wirtschaftliche Weichenstellungen in den großen Weltregionen wesentlich gestalten werden. Es handelt sich um eine Vorausschau auf die Phase im Ablauf der umfassenden Krise, die wir als die Dekantierungsphase (1) bezeichnet haben, in der sich nach dem Zusammenbruch des alten Weltsystems das neue bildet. Wir glauben bereits in dieser 24. Ausgabe des GEAB in der Lage zu sein, unsere ersten Vorhersagen über wichtige, bis 2011/2013 wirksame Tendenzen vorzulegen. In einer Zeit, in der die Überzeugungen und Wahrheiten, auf der sich die globale Wirtschafts – und Finanzwelt der letzten Jahrzehnte gründete, sich als brüchig, irreführend und falsch herausstellen, ist dies ein wichtiges Hilfsmittel für Investoren, die eine mittelfristige Perspektive wahren wollen, für exportorientierte Unternehmen und die Wirtschafts- und Finanzministerien und die Zentralbanken der Welt, die eine solche längerfristige Sicht benötigen, um ihre Strategien zu definieren.


Während der letzten Wochen wurde auch den sporadischsten Lesern der Wirtschaftsnachrichten umfassend deutlich, dass Investoren und Banker an den Finanzmärkten orientierungslos und panikartig operieren. Gleichzeitig entpuppten sich vor der Weltöffentlichkeit die nationalen und internationalen Behörden, deren Aufgabe darin bestehen sollte, die Märkte zu regulieren bzw. die globale Wirtschaftsentwicklung zu steuern, als ohnmächtig.

Wir beschreiben in dieser Ausgabe des GEAB vier Tendenzen, von denen wir überzeugt sind, dass sie die Aufprallphase der umfassenden weltweiten Krise prägen werden; diese vier Tendenzen werden ab dem 2. Halbjahr 2008 erkennbar werden und den Ablauf der Krise bis 2011, evtl. bis 2013 bestimmen. Zum ersten Mal fühlen wir uns damit in der Lage, präzise Einschätzungen nun auch für Tendenzen zu geben, die über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren wirksam sein werden. Diese Einschätzungen werden durch unsere stragetischen Ratschläge in dieser Ausgabe abgerundet.

Globale Finanzkrise – Sparer und Investoren ertrinken in « Scheinvermögen » in der Höhe von 10.000 Milliarden USD

Krise der US-Wertpapiere – November/Dezember 2008 : die US-Zentralbank und ihr Netz an « Primary Dealers » kämpfen um ihr (finanzielles) Überleben

Krise der Wechselkurse – Bis 2011/2013 : Nachhaltige Umgestaltung des Weltwährungsgefüges

Globale Sozialkrise – Hungeraufstände und 25 Millionen Arbeitslose der Very Great Depression USA


Jede dieser begrenzten Krise ist sowohl die Illustration für das historische Ausmaß der umfassenden weltweiten Krise als auch die Bestätigung dafür, dass wir erst am Anfang der Aufprallphase stehen ; denn alle Sicherheitsvorkehrungen, von denen es immer hieß, dass sie eingebaut und effizient wären, stellen sich, eine nach der anderen, als wirkungslos heraus. Und jede verpuffende Gegenmaßnahme läßt erkennen, dass die Lage sich noch verschlimmern wird. Die Krise schraubt sich Drehung um Drehung in die Wirtschaft und in das Leben der Menschen ; jedes Ende eines Schreckens ist der Anfang eines neuen, größeren, jede angebliche « Talsohle » der Krise ist der Ausgangspunkt für eine weitere Verschlimmerung der Situation. Diesen Ablauf der Krise als Schraube oder Wendel haben wir bereits in vorgehenden Ausgaben des GEAB beschrieben. Er ist das entscheidende Wesensmerkmal dieser umfassenden weltweiten Krise.

Globale Finanzkrise – Sparer und Investoren ertrinken in « Scheinvermögen » in der Höhe von 10.000 Milliarden USD


Dieses Scheinvermögen in Höhe von 10.000 Milliarden Dollar, die nur auf dem Papier stehen, ohne einen konkreten Gegenwert in der Wirklichkeit zu haben, sind zum Schrecken der Finanzmärkte mutiert. Sollte Ihr Banker Ihr Geld in einer der Anlageformen, die dieses Scheinvermögen bilden, angelegt haben, haben Sie wahrscheinlich, ohne es zu wissen, schon alles verloren (2).

Daran werden auch die Finanzgurus der G7 oder der IWF, die sich am 11./12. und 13. April zusammengefunden haben, nicht das Geringste ändern können. Die nationalen und internationalen Finanzinstitutionen haben jegliche Kontrolle über die aktuelle Krise verloren. Gerade der IWF in seinen Finanznöten symbolisiert mit seinen Personalreduzierungen/Entlassungen und dem Verkauf seiner Goldreserven das Scheitern der Institutionen, die nach dem 2. Weltkrieg gegründet wurden, um die Weltwirtschaft zu regulieren. In den schriftlichen Schlussfolgerungen der G7- und IWF-Treffen der vergangenen Apriltage ist sehr schön nachzulesen, dass es bei den hochmögenden Persönlichkeiten, die an den Treffen beteiligt waren, keinen Konsens darüber gibt, was gegen die Krise zu unternehmen wäre : Auf der einen Seite gibt es die staatlichen Finanzbehörden, die die Finanzmärkte in Zukunft gerne stärker regulieren würden, um zu verhindern, dass eine Krise wie die aktuelle sich reproduzieren könnte ; auf der anderen Seite stehen die Banken, die sich lediglich branchenintern regulieren wollen und glauben, ihre Versprechen von einem zukünftig weniger risikofreudigen Verhalten könnten ausreichend sein, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Kurz- und mittelfristig wurde nur eine konkrete Maßnahme vereinbart: Ein konzertiertes Bekenntnis zur Untätigkeit. Damit wird sich die aktuelle Krise vor dem Hintergrundgeräusch engagierter und sachverständiger Diskussionen innerhalb des IWF noch weiter verschlimmern. Aber was sollte der IWF auch unternehmen? Ihm fehlen die entsprechenden Mittel und Möglichkeiten. Mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, ist er nicht einmal in der Lage, auch nur das Ausmaß der Krise richtig einzuschätzen.

Denn wir gehen davon aus, dass die Zahl von 1000 Milliarden Dollar Verlusten, die die Krise nach Aussagen des IWF generieren wird, viel zu niedrig, geradezu lächerlich zu niedrig angesetzt ist (3). In den nächsten zwei Jahren ist vielmehr mit Verlusten in der Höhe von 10.000 Milliarden (4) Dollar zu rechnen (5). Damit werden noch weitere große internationale Banken und Unternehmen, die nicht über eine absolute solide Finanzdecke verfügen oder zu sehr von der Finanzkraft des US-Konsumenten (6) abhängen, in den Malstrom der Finanzkrise gerissen werden.
Denn wir können es nicht häufig genug wiederholen: Das aktuelle Finanzproblem der internationalen Finanzmärkte ist in seiner Substanz einfach zu verstehen, in seinen konkreten Auswirkungen jedoch unendlich schwierig zu erfassen: An den Finanzmärkten stehen zur Zeit 10.000 Milliarden Dollar (7) als Vermögen in den Bilanzen, die nur dort und sonst nirgendwo existieren – es handelt sich um reines Scheinvermögen ohne Gegenwert in der Realität des Lebens. Die großen Banken versuchen zur Zeit, um ihre Verluste zu beschränken, diese fiktiven Vermögenswerte zu jedem Preis loszuwerden (8). Aber selbst mit Schleuderpreisen wird ihnen das nicht gelingen, denn diesen « Vermögenswerten » fehlt gerade das, was sie ausmachen sollte, nämlich ein Wert: Sie haben keinen mehr und werden auch keinen mehr erlangen (9).

Die Hauptmasse dieses Papiervermögens besteht aus Hypothekenkrediten, aus US-Schatzbriefen und allen möglichen Arten von Wertpapieren, denen eins gemein ist: sie lauten auf US-Dollar - oder auf Pfund Sterling (10). Diese « Werte » wurden in der Finanzeuphorie der letzten zehn Jahren von den « Zauberlehrlingen » der Wall Street, der Londoner City und den anderen internationalen Finanzplätzen aus dem Nichts geschaffen (11).

Das war noch die Zeit, die heute schon so lange zurück zu liegen scheint, wo alle und jeder sich dafür begeisterte, dass die neue Finanzwelt in der Lage wäre, eine « Finanzwirtschaft » zu erschaffen, die tausendfach größer wäre als die globale Realwirtschaft (12). Seit einigen Monaten schon versuchen die einstmal glücklichen Gewinner dieser unendlichen Reichtümer, diese in greifbare Werte zu wandeln (13) - überwiegend vergeblich und ohne Aussicht auf Erfolg. Heute brechen alle Märkte zusammen oder versuchen, sich durch Aufblasen neuer Spekulationsblasen zu retten, die aber alle sehr unstabil sind und nicht von Dauer sein werden: Immobilien, Energie, US-Schatzbriefe, US-Dollar, Aktien, Lebensmittel... Die riesigen Geldmengen drehen sich immer schneller um die Erde auf der immer verzweifelteren Suche nach einer rentablen Investition oder einem konkreten, greifbaren Gegenwert. Dadurch entstehen in immer schnellerer Abfolge neue Blasen (die nur Wochen anhalten, wohin gegen in den letzten Jahrzehnten Blasen zumindest immer für einige Jahre Bestand hatten), wodurch aber im realen Leben die Preise nach oben getrieben werden und damit jeden Tag die letztendliche Konsequenz dieser Entwicklung wahrscheinlicher wird: eine galoppierende Inflation, in der alles der Panik verfällt, dass alle Werte, einschließlich der Weltleitwährung, sich in Nichts auflösen werden.

Die « sagenhaften » Währungsreserven oder US-Schatzbriefe Chinas, Japan, des Vereinigten Königsreichs oder anderer Staaten zählen mit zu dieser Kohorte an « Geisterwerten ». Und sie werden noch über Jahre hinweg in den Bilanzen der Banken Angst und Schrecken verbreiten, Investoren ruinieren und Zentralbankern Alpträume verursachen. Alle diese Geisterwerte formieren sich, wenn sie sich nicht in reale Werte transformieren können, in ihrer Gesamtheit zu einem kollektiven Schrecken, der unter dem Namen Inflation bekannt ist. Daher gehen wir davon aus, dass die jährlichen Preissteigerungen, einschließlich Lebensmittel, Energie... in den USA ab 2. Jahreshälfte 2008 bei über 10% liegen werden (14); in Europa werden sie bei über 5% liegen und in China auf 20% zugehen. In den Schwellenländern, die den Wertschwankungen der US-Währung besonders ausgesetzt sind, wird die Inflation unter dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren wie größere Nachfrage nach Energie und Lebensmitteln bei gleichzeitiger Währungsschwäche förmlich explodieren.
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Noten:

(1) Entsprechend der Aufteilung der umfassenden weltweiten Krise in Phasen, wie wir sie bereits in der 5. Ausgabe des GEAB vom Mai 2006 beschrieben haben. Vgl. hierzu auch die Ausführungen in der 6. und 18. Ausgabe des GEAB

(2) Die Beispiele von Anlegern, die von ihren eigenen Banken zu angeblich « sicheren » Investitionen verleitet wurden, häufen sich. Quelle: New York Times, 13.04.2008

(3) Quellen : Bloomberg, 31.03.2008 und Turkish Daily News, 10.04.2008

(4) LEAP/E2020 verwendet hier ganz bewußt Milliarden als Größenordnung für die immensen Geldsummen, um die es an den Weltfinanzmärkten geht. Denn der Begriff « Trillionen », der sehr gerne in der französischen Presse benutzt wird, variiert von Kultur zu Kultur in der Bedeutung. In den USA, Großbritannien und Brasilen u.a. steht eine Trillion für 10 12, während in anderen Ländern eine Trillion 10 18 bedeutet. Quelle : Wikipedia. Vielleicht läßt sich die gegenwärtige Krise durch ein unglückliches « Mißverständnis » erklären ? Vielleicht glaubte der Rest der Welt, von Wall Street Sicherheiten in Höhe von einer « großen »Trillion (10 18) zu erhalten, während es sich in Wirklichkeit nur um eine « kleine » Trillion (10 18 ) handelte, als nur um ein Millionstel der Summe ? Daraus kann sich natürlich leicht eine umfassende weltweite Krise entwickeln (quelle: Wikipedia.

(5) Denjenigen, die diese Zahl für eine Übertreibung halten mögen, möchten wir entgegenhalten, dass auch zum Beginn der Subprime-Krise im Sommer 2007 von Verlusten in der Größenordnung von höchstens 100 Milliarden USD ausgegangen wurde. Nicht einmal ein Jahr später lassen nun offizielle Stellen, die vor einem Jahr auch nur die Existenz einer Krise bestritten, verlautbaren, dass die Verluste sich um einen Faktor 10 erhöhen dürften. Für die Akteure an den Finanzmärkten wäre es endlich angebracht zu verstehen, dass in der aktuellen Situation pessimistische Szenarien viel wahrscheinlicher sind als optimistische ; die Regel, die über die letzten Jahre gültig war, hat sich heute umgedreht.

(6) ...der der Hauptleidtragende dieser Krise sein wird, wie wir in den vorhergehenden Ausgaben des GEAB beschrieben haben.

(7) Bei mehr als 45.000 Milliarden an CDS (Credit Derivatives Swap) (vgl. 19. Ausgabe des GEAB, die mit jedem Tag mehr an Wert verlieren, müssten die CDS nur 25% ihres Werts verlieren, damit diese Summe zusammen käme. Wir vertreten die Auffassung, dass Verluste von 10.000 Milliarden noch eine sehr vorsichtige Schätzung sind. Der noch nicht lange zurück liegende Verkauf von 12 Milliarden USD an Forderungen für 90 cents/Dollar durch Citigroup, bei der die Bank dem Käufer eine zusätzlichen Garantie gab, einen weiteren Wertverlust von 20%-Punkten der verkauften Forderungen zu ersetzen (woraus sich ein möglicher Preis von 70% des Nennwerts der Forderungen ergibt), verdeutlicht das Ausmaß der Verluste: die Aktiva der größten US-Bank haben schon 30% ihres Werts eingebüßt. Und wenn man sich ihr Geschäftsgebaren und ihre Informationspolitik der letzten Monate vor Augen hält, muss man schon sehr naiv sein, wenn man glauben wollte, dass Citigroup wirklich alle Einzelheiten des « Deals » offen gelegt hätte. Viele Investoren gehen davon aus, dass in den nächsten Monaten Finanzderivate nur noch mit 10 bis 30% ihres Nennwerts gehandelt werden, woraus sich erklärt, dass der Markt für Finanzderivate zum Erliegen gekommen ist. Quelle: Reuters vom 09.04.2008

(8) Citigroup folgen inzwischen Deutsche Bank und Goldman Sachs nach, die ebenfalls versuchen, ihre zweifelhaften Werte abzustoßen. Quelle : Reuters, MarketWatch/DowJones, 14.04.2008

(9) Lesenswert: « Banks : Bleeding value and Hiding Desperation », Financial Sense, v. 24.03.2008

(10) Seit mehr als zwei Jahren haben wir mehrfach vorhergesagt, dass die britische Währung im Verhältnis zu den großen Weltwährungen (mit Ausnahme des Dollars) deutlich an Wert einbüßen würde, und dass die britische Wirtschaft, die ganz wesentlich zum einen von der US-Wirtschaft, zum anderen von der internationalen Finanzwirtschaft abhängt, von der umfassenden weltweiten Krise erfasst werden würde, die ja diese beiden Bereichen der Globalwirtschaft besonders übel mitspielt. Selbst der britischen Regierung und der Bank of England ist inzwischen klar geworden, dass das Pfund Sterling und die britische Wirtschaft sich im freien Fall befinden. Aber erst in den nächsten Monaten werden sich die Wertverluste bei den Vermögen in Livre Sterling mit den Velusten in US-Dollar kumulieren. Dieser Schock wird alle Länder, die in beiden Währungen Vermögen angelegt haben, also von Hong-Kong bis zu den skandinavischen Ländern, sehr hart treffen.

(11) Lesenswert: Ein sehr interessanter Artikel in Institutionnal Risk Analyst vom 14.04.2008 beschreibt, wie es in den Bilanzen der Finanzinstitute von « Geisterwerten » nur so wimmelt.

(12) Es ist immer wieder inspirierend, die schlauen Analysen der Institutionen zu lesen, deren Aufgabe doch darin bestehen sollte, die Entwicklungen der Weltwirtschaft oder regionaler Wirtschaften zu regulieren, wenn sie, wie dieser enthusiastische Bericht der Europäischen Zentralbank betreffend die Entwicklung der Finanzmärkte bis 2015, mit viel Verve so falsch liegen. Quelle : EZB vom 28.10.2005

(13) Die Verantwortlichen der großen internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften räumen inzwischen ein, dass die Buchführungsregeln für alle außerbilanzlichen Werte der Banken (also die, die das Finanzwachstum der letzten Jahrzehnte überwiegend ausgemacht haben) vollkommen neu gedacht und entworfen werden müssen. Dieses Eingeständnis von gerade denen, die sich wirklich auskennen müssten, belegt, dass heute wirklich niemand mehr die geringste Ahnung davon hat, was denn diese Posten in den Büchern der Banken tatsächlich an realem Wert besitzen. Quelle : Financial Times, 09.04.2008

(14) Asien exportiert nunmehr seine Inflation in die USA.
Quelle: New York Times, 08.04.2008
Jeudi 17 Avril 2008 -

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