Samstag, 6. September 2008

Das russische Rätsel - oder - Der russische Bär erwacht

Das russische Rätsel - oder - Der russische Bär erwacht - Teil 3 / Ende

Zum Abschluss noch mal die Anfangsfrage. Was wollen die Russen konkret?
Und als Zusatzfrage warum haben sie Abchasien und Südossetien so schnell anerkannt?

Es ist schwer zu glauben, und unmöglich zu denken, dass die Russen eine Konfrontation auf höchster Ebene wollen.
Es sieht so aus, dass die Anerkennung der beiden Gebiete eine Provokation ist.
Aber warum?

Sind die Russen vielleicht zum Schluss gekommen, dass unter bestimmten Bedingungen, die USA in eine schwere innere Krise stürzen könnten?

Könnte es sein, dass die Russen die USA provozieren, - es ist nicht schwer zu raten wie die USA auf eine solche Provokation reagieren werden – um sie dazu zu bringen ihren Haushalt noch mehr zu strapazieren?

Die Erfahrung zeigt, dass die USA auf einer solchen Bedrohung mit mehr Ausgaben im Verteidigungsbereich reagieren. Und da könnte einen wunden Punkt legen.
Die USA befinden sich zurzeit in einer extrem angespannten wirtschaftlichen Lage, und da könnte es gut geschehen, dass höhere Ausgaben im Verteidigungsbereich das gesamte wirtschaftliche System in Gefahr bringen könnte.
Eine ähnliche Situation wie in der Sowjet-Union kurz vor dem Zerfall.
Auch wenn die USA daran nicht zerbrechen, wird es für sie unweigerlich schwere Folgen haben.

Putin ist nach Chirac und noch vor dem türkischen Präsidenten Gül einer der wenigen Politiker die den Schluss gezogen haben, dass das System einer Unipolaren Welt nicht länger funktionieren kann. Das ist mit Sicherheit einen der Gründe warum die Russen jetzt auf Konfrontationskurs gegangen sind,

Es kann ohne weiters gesagt werden, dass sich die Krise längst nicht mehr um Georgien oder Südossetien dreht. Sie hat sich ausgedehnt und erreicht schon jetzt globales Ausmass.

In einem am 29 erschienenen Artikel im russischen Rossiïa v globalnoï politike, schreibt der Chefredakteur Fedor Loukianov
.....„Es handelt sich bereits um mehr als nur um Georgien und ihres Präsidenten. Die Herausforderungen sind erheblich gestiegen. Es scheint, dass Russland beschlossen hat, in einem gewagten Schachzug alles zu riskieren und die Rolle des Totengräber des Unipolaren Systems der internationalen Beziehungen, zu übernehmen.“.............
.........„In den Positionen des Westens, sieht Russland längst keinen Doppel-Standard mehr sondern blanker Cynismus.“

Am selben Tag, schrieb Nebojsa Malic, in einem Artikel erschienen auf AntiWarCom,
..... „Furthermore, the pragmatic Russians must have realized that their arguments concerning Kosovo weren't going to change the situation there, mostly because the Empire showed no intention of listening. It “created reality” by force, claimed everything was legal because it said so, and simply brushed Russian objections aside – for what could they do, invade? Moscow's response was to engage in its own reality-shaping by force, in a region where Russia had the guns and NATO was the one with nothing but words.”
“If Medvedev and Putin thought this would teach the Empire a lesson, however, they were mistaken; firmly in the grip of solipsistic pseudo-logic, Washington is utterly incapable of seeing itself through the eyes of others. Even the misguided comparison of Ossetia with Kosovo fell on deaf ears, because indignant voices quickly cried out that Kosovo (being an American intervention) was right, while Ossetia (being Russian) was wrong!”

»It is difficult, perhaps even impossible, to communicate with someone so obsessed with managing the perceptions of reality that they've become incapable of recognizing reality altogether. In the Bizarro World of the Atlantic Empire, the bombing of Serbia was humanitarian, the invasion of Iraq was defensive, the occupation of Afghanistan was democratic, and the separation of Kosovo was legal – while the Russian intervention to neutralize the Georgian army and save the Ossetians from ethnic cleansing was “agression” befitting Hitler or Stalin.
»Medvedev and Putin are not angels – but they never claimed to be. That claim is the sole purview of American Emperors, a sign of madness that Bush/Cheney, Obama/Biden and McCain/Whoever all have in common. To them, it doesn't actually matter what Russia does – whatever anyone but America (and its “allies”) does is by definition evil.

"Putin und Medwedew sind keine Engel – sie haben nie behauptet welchen zu sein. Das ist eher eine Behauptung der „amerikanischen Kaiser/Präsidenten“. Ein Zeichen des Wahnsinns.
Für sie spielt keine Rolle, was Russland eigentlich tut – es ist per Definition „böse“.

»One wonders if they quite understand this in Moscow. And what will happen once they do.»

Wie gesagt, wenn die USA sich das Recht nehmen ihr eigenes „Recht“ (sprich Tatsachen) zu schaffen, warum sollte die Russen sich nicht erlauben sollen ihr eigenes „Recht“ zu schaffen?

Haben die in Moskau verstanden wie die westlichen bzw. die US Führung wirklich tickt?

Wenn nicht hat sich Russland gewaltige innere Probleme für die Zukunft aufgehalst, denn mit demselben recht auf Selbstständigkeit werden Bevölkerungsgruppen innerhalb Russland ihr Recht einfordern.

Wenn ja, ist das vielleicht eine Erklärung für die überraschend schnelle Anerkennung von Abchasien und Südossetien. Wenn ja folgt Russland eine Strategie die auf einen gewaltigen Bruch in der Dynamik der Geschichte hinausgehen könnte.

Malic hebt einen wichtigen Aspekt über die Hypothese des Bruchs hervor:
Es geht nicht darum einen neuen Weg in den Internationalen Beziehungen einzuschlagen sondern dass es nicht mehr möglich ist normale Beziehungen mit den USA zu haben.
Er schreibt - «…the Empire showed no intention of listening. It “created reality” by force, claimed everything was legal because it said so. […] It is difficult, perhaps even impossible, to communicate with someone so obsessed with managing the perceptions of reality that they've become incapable of recognizing reality altogether.»

«… Das Imperium zeigt keine Absicht Zuhören zu wollen. Es schafft seine eigene Wirklichkeit mit Gewalt und nennt es Recht..... […] Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, mit jemanden zu Kommunizieren der so besessen ist, die Wahrnehmung der Realität so zu manipulieren, dass sie unfähig geworden sind die Realität insgesamt anzuerkennen.»


Diese Feststellungen bedeuten nichts anderes als, dass die Schlacht die stattfindet weder ideologisch, noch weniger politische, sondern psychologischer Natur ist.
Alles andere hängt davon ab, alles basiert auf eine grundlegende Unversöhnlichkeit der Vorstellungen.
In wenige Worte ausgedruckt Die Realität gegen die Virtualität.

So kommt es, dass wenn Saakaschwili, mit der Unterstützung oder sogar direkter Hilfe der USA angegriffen hat (das ist nicht nur Putins These, sondern auch die des französischen Geheimdienstes), die US-Führung zum Schluss kommt, dass alles rechtens ist und, dass Saakaschwili nur von seinem guten Recht gebrauch macht. Unannehmbar dagegen sind, das Südossetien nicht gleich kapituliert hat und, dass Russland militärisch eingegriffen hat.
In diesem Fall begreift man, dass Saakaschwili, vergiftet durch diesen amerikanistischen Geisteszustand angegriffen hat, trotz des Wahnsinns des Unternehmens, da es ja keine russische Antwort geben konnte. Selbst wenn Geheimdienste (auch amerikanischen), eventuell das Gegenteil gesagt haben sollten, hat man ihnen keinen glauben geschenkt, so wie damals als es um Saddams Massenvernichtungswaffen ging.

Dies bedeutet nicht zwingend eine Konfrontation im klassischen sinne, sondern eher Taten und Aktionen die in zwei verschiedenen Welten stattfinden.

Ist es etwas in diese Richtung, was zurzeit passiert?

Wenn ja, was bedeutet dies für Europa?

In diesem Fall befindet sich Europe in einer ganz neuen Position. Es kann sich nicht mehr die Händen in Unschuld waschen wie zur Zeit des Irak-Kriegs, weil sich, zu mindest vorläufig, in Europa geschieht.

Europa befindet sich jetzt in einer widersprüchlichen Situation und ist keinesfalls ein monolithischer Block.
Zum Teil folgen die der EU Staaten ohne Widerspruche die USA – aus diverse Gründen, Interessen, Feigheit Unterwürfigkeit oder nur weil sie in die gleiche virtuelle moralischen Realitäten glauben.
Aber es ist nicht sicher, dass der Autismus bei ihnen so weit geht wie in den USA, und es könnte geschehen das Widerstand sie ins wanken bringt. In der Tat könnte es geschehen, dass in Situationen die sie selbst betreffen die EU Staaten, gestützt auf eigenen Erfahrungen, dem Weg der USA als Wahnsinn erkennen könnten.
Diese Ambivalenz kann in extremen Fällen zu einer Schizophrenie führen, die nicht länger tragbar sein könnte.

Auf jeden Fall können die EU Staaten in dieser Krise sich nicht leisten nur zu zuschauen, sie sitzen mittendrin.
Ein wichtiger Faktor ist nicht, und dies sollten diejenigen die nach Bestraffung und Isolierung Russlands rufen berücksichtigen, wie lange die russische Wirtschaft, ohne den Westen halten wird, Sondern eher, dass Russland 7 000 Sprengköpfe besitzt, und, dass man nicht wirklich solchen Zerstörungspotential Isolieren kann.

Seit dem Ende des Kalten Krieges und vor allem seit dem 9 / 11 Anschlag halten die USA eine Dominanz die eigentlich unerklärlich ist, und nur mit rein psychologischen Faktoren zu erklären wäre, insbesondere durch den Virtualismus.
Im rein klassischen Sinne, sei es politisch, militärisch, ja sogar ökonomisch ist die US-amerikanische Dominanz nicht zu rechtfertigen, Sie ist sogar unerträglich auf längere Sicht weil schädlich.

In diesen Sinn wird das, was als georgische Krise begann wachsen und es besteht tatsächlich eine Dynamik des Bruchs.


Quellen:

de Defensa Org
http://fr.rian.ru/world/20080829/116373473.html
http://www.antiwar.com/malic/?articleid=13370
http://www.dedefensa.org/article-la_vraie_guerre_de_saakachvili_04_09_2008.html

EGR/ 05-09-2008

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